DIANE'S HORROR PICTURE SHOW
von: Ralf Hanselle

Sie war sensibel und einfhlsam; und doch im hohen Mae destruktiv: Die Fotografin Diane Arbus hat wie kaum eine Zweite unsere gngigen Klischees von Schnheit zerstrt. Mit ihren
Bildern von Freaks und Outlaws konnte sie bis an die Grenzen des Ertrglichen gehen.
Vielleicht ist das Ende absehbar gewesen. Das Ende schwarz wie Ebenholz, wei wie
Emaille und rot wie Blut. Als Diane Arbus der Welt abhanden kam, war sie 48 Jahre alt. Ein Freund hatte sie gefunden am dritten Tag; nach einer schwl-schweren Nacht in Greenwich Village. Sie hatte in der weien Badewanne ihres Appartements gelegen; das kurze Ebenholz-Haar bereits fahl und die Adern geffnet gegen den inneren Druck. Es war der 26. Juli 1971. Die Fotografin, die in ihren letzten Lebensjahren bei den Zwergen gehaust und bei den Riesen gewohnt, die mit den Krppeln gelebt und mit den Kranken verkehrt hatte, sie schien in den Hinterhalt ihrer eigenen Bilder hineingeraten zu sein. Ihr eine Kamera in die Hand zu geben, hatte der Schriftsteller Norman Mailer einmal gewarnt, sei so, als ob man ein Kind mit einer scharfen Granate spielen liee.
Jetzt also war sie losgegangen; diese hochexplosive Waffe, mit der Diane Arbus seit Jahren ihre
Umwelt fixiert hatte diese Menschen, die auf ihren Fotos so bizarr und gespenstisch erschienen waren, so psychotisch und so schauderhaft. Es sei der eigene Schmerz gewesen; das beschdigte Selbst, das von ihren Bildern immer wieder zurckgestrahlt htte. Viele hatten das damals so gesehen. Viele, die geahnt hatten, dass sich diese zierliche Frau mit dem schmalen Gesicht mit ihren Fotografien irgendwann einmal selbst gefhrden wrde. Sie waren der Abgrund, in den ihre dunklen Augen nicht mde wurde hineinzuschauen. Der Krater, der dann zurckgeschaut hatte: kalt, ghnend und gewaltig. Die amerikanische Essayisitin Susan Sontag war gar der Meinung gewesen, dass erst der Selbstmord Arbus Bildern endgltig jene dstere Schwere verliehen htte, fr die die Fotografin bis heute berhmt ist. berall waren schlielich diese Bilder gewesen. Unausweichlich: ber ihrem Bett und ber dem Nachttisch. Selbst an dem hlzernen Paravent, mit dem sich Diane Arbus von der Welt abtrennte. Sie waren da, wie eine Sammlung aufgespieter Schmetterlinge. Bilder von Trag Queens mit Lockenwicklern, von behinderten Kindern, von entstellten Menschen. Ihre Tochter Doon hat einmal erzhlt, dass jedes Foto, das aus Dianes Dunkelkammer herauskam, einen Platz in ihrem Schlafzimmer gefunden htte. Jedes Gesicht ein Spiegel; jede Fratze ein Zerrbild der eigenen Seele.
Vielleicht ist dieses Ende also wirklich absehbar gewesen. Oft hatte sie es angekndigt, dieses
Ende schwarz wie Ebenholz und unvermeidlich wie die Sommerschwle im Herzen New Yorks.
Make War, Not Love! hatte das Magazin der Sunday Times im September 1969 eine von jenen
verstrenden Bildreportagen berschrieben, mit denen Diane Arbus ihren Abgrund in die Welt
hinausgegraben hatte. Diese Reportagen von Nudisten,Freaks und Kleinwchsigen; von Outlaws,
Irren und Entstellten. Krieg, nicht Liebe vielleicht htte das auch die Headline ber ihrem eigenen Leben sein knnen. Einer Biografie, in der eigentlich alles da war: Geld, Wohlstand, ein kleines Glck. Alles. Sie htte es nur nehmen mssen. Greifen, und in die Tasche stecken. Doch am Ende ist das Loch in dieser wohl grer gewesen. Die Leere, durch die immer alles hindurchfiel. What is a pocket but a hole?, hatte ihr Bruder Howard Nemerov einmal geschrieben ein namhafter Lyriker, der wie kaum ein zweiter geahnt hatte, woher all das gekommen war. Das, was Diane Arbus so Angst gemacht dieser Krieg, der mitten in ihr gewtet hatte.
Sie lebte in ihrem Kinderhaus, einem Turm an der Park Avenue. Selbst spter, als sie den Modefotografen Allen Arbus geheiratet hatte, blieb ihre Seele immer da. Das Innere, das nicht nach auen fand. Als Kind, sagte sie einmal, litt ich darunter, dass ich immer in Watte gepackt worden bin. Watte, die alles geschluckt hatte: das Sehnen, das Fhlen, die Einsamkeit. Die Welt, so hatte das schchterne Mdchen glauben gelernt, existierte nur fr andere. Sie aber sie blieb immer im Abseits. Ohne Verbindung. Abgekapselt. Stundenlang soll sie als Kind am Fenster ihres Zimmers gestanden und in das Dunkel des gegenberliegenden
Central Parks geschaut haben. Das Dunkel, das dann zurckgeschaut hatte. Irgendwann.
Und doch: Eigentlich wre alles da gewesen. Ihr Vater, Nachkomme einer jdisch-russischen Einwandererfamilie, hatte es in New York zu Wohlstand gebracht. David Nemerov war Geschftsfhrer eines der bestgehendsten Pelz-Geschfte in Upper Manhattan: Russeks bis heute ein mondnes Modekaufhaus an der Fifth Avenue. Doch das war nur die eine Seite. Woran es mangelte, waren Zeit und Gefhle. Statt sich um das Wohl der Kinder zu kmmern, berlieen die Eltern sie wechselnden Kindermdchen und Chauffeuren; Butlern und Papier-Gefhrten: Lewis Carroll, Jorge Luis Borges oder Franz Kafka sie waren Dianes stille Fluchten; Alice im Wunderland die beste Freundin eines begabten Kindes. Alles war so irreal sollte sich Diane spter erinnern. So verlogen, so kalt und leer. Besonders in den Sommermonaten, an den schwlen Tagen. Dann verreisten die Eltern nach Europa, nach Maine oder Cape Cod. Diane und ihre zwei Geschwister aber lieen sie zurck. Daheim. Central Park West. Verlassen in Angst und Einsamkeit. Ihre Biografin Partricia Bosworth wird spter einmal schreiben, dass Diane Arbus in dieser Atmosphre ihr psychisches Programm fr ihr weiteres Leben berspielt htte.
Und in der Tat: Kindheit wurde zu ihrem groen Thema spter, als sie aus all dem auszubrechen versucht hatte. Ihre besten Aufnahmen wurden die Fotos von Kindern: Der Junge mit Strohhut etwa, den sie 1967 auf einer Parade von Kriegsbefrwortern aufgenommen hatte oder ein trnenverschmierter Knabe auf dem Arm seiner Mutter. Selbst jener 2,68 Meter groe Jewish Giant, den sie ein Jahr vor ihrem tragischen Selbstmord in einer zu kleinen Wohnung in der Bronx portrtiert hatte, war bei aller Gre ein Junge geblieben. Ein Kind wie sie: die Fotografin, von der selbst engste Freunde behauptet hatten, sie htte zeitlebens gewirkt wie ein dnnes, kleines, verlorenes Mdchen.
Sie waren Verwandte; Zwillinge einer verwandten Seele. Im zerbrochenen Spiegel dieser krperlich oft beschdigten Menschen konnte Diane Arbus ihr eigenes Trauma erkennen; in der ueren Wunde die innere. Das, was zurckgeblieben ist im Turm an der Park Avenue. Ich spre, dass ich eine vage Vorstellung davon habe, worum es geht ich meine etwas sehr Subtiles; und es ist mir ein wenig peinlich, darber zu sprechen. Ich glaube wirklich, dass es Dinge gibt, die niemand sehen wrde, wenn ich sie nicht fotografiert htte. Es waren die Dinge, die sie wie intuitiv im Anderen wahrnahm; die sichtbar wurden auf ihrer Reise hinter die Spiegel. Nichts dokumentiert ihre Suche nach dieser verborgenen hnlichkeit besser, als jenes berhmt gewordene Foto, das Arbus im Dezember 1967 auf einer Weihnachtsfeier fr Doppelgnger und Zwillinge in New Jersey aufgenommen hat. Es ist das Doppelportrt von Cathleen und Colleen Wade, zwei damals siebenjhrigen Mdchen, die sich zu gleichen schienen wie ein Ei dem anderen: das gleiche Kleid, das gleiche Haarband, die gleiche Pose. Identical Twins. Ein
Ich im Spiegel der Anderen. Wie verwachsen erscheinen diese beiden Mdchen. Symbiotisch.
Verbunden in gruselnder hnlichkeit. So gruselnd, dass selbst ihr Vater sie auf Dianes Foto nicht wiedererkannt haben wollte. Der Regisseur Stanley Kubrick entschloss sich 1980 sogar dazu, das Zwillings-Foto in seinem Horror-Film The Shining zu zitieren. Seither spukt es durch die Geschichte der Bilder von Die Stadt der verlorenen Kinder bis hin zur Horror-Komdie Psychoville.
Es ist dieser schwere, oft analytische Blick, der Diane Arbus zu einer der wichtigsten Persnlichkeiten der amerikanischen Fotografiegeschichte hat werden lassen. Dieser Blick so empathisch und so gefhrlich. So nah nmlich konnte sie mit ihrer Kamera den Menschen kommen, dass alle Grenzen dazwischen verwischten. Die Portrtistin und ihre Portrtierten sie wurden zu den Identical Twins. Dazwischen nur die kleine Black Box das Unbewusste der Fotografie. Zeugin einer skurrilen Verschmelzung. Denn genau darum ging es: Um diese Erfahrung. Um das, was geschah, wenn sich Diane im je anderen Menschen zu spiegeln suchte. Das Foto es war fr sie nur ein berbleibsel. Relikt einer geheimnisvollen Begegnung. Eine Fotografie ist das Geheimnis von einem Geheimnis. Das war das Einzige, was sie einmal bereit war, von diesem Mysterium preiszugeben. Und doch waren ihrer Bilder nie blanker Zufall, nie Schnappschuss, nie aus der Hfte heraus. Ewigkeiten konnte sie mit einem Menschen verbringen; solange, bis sie dessen Rtsel gelst hatte. Bis er sie schauen lie in den
eigenen Abgrund.
Diane Arbus hatte lange gebraucht, bis sie zu diesem Stil gefunden hatte: eine zerrttete Ehe,
zwei Kinder, eine frhe Karriere. 34 Jahre alt war sie, als sie noch einmal ganz von vorne begann.
Es war 1957. Bei einem Workshop des legendren Art Directors Alexei Brodowitsch hatte sie die
sterreichische Fotografin Lisette Model kennengelernt. Das war die Wende. Alles davor war
jetzt kaum noch bedeutsam: ihre Ehe mit dem Fotografen und Schauspieler Allen Arbus, ihre frhen Fotokurse bei Berenice Abbott, ihre ersten Jahre als Modefotografin mit Auftrgen fr Vogue oder Glamour. Lisette befreite mich von meinen brgerlich-puritanischen Vorurteilen. Sie war die Flucht aus einer verlogenen Welt; aus vordergrndiger Eitelkeit. Irgendwie waren sich die
beiden aufgefallen: Lisette und Diane. Vielleicht wegen ihrer hnlichkeiten der Spiegelungen,
der Parallelen. Wie Arbus aus brgerlichen Verhltnissen stammend, hatte Lisette Model alle
Bindung ins Frher gekappt. Die Fotografin, die einst in Europa Konzertpianistin hatte werden
wollen, hatte in New York das Leben entdeckt: die Nightclubs, den Jazz, den nackten Asphalt.
Street-Photography. Fr Diane Arbus damals ein Trffner. Ein Zugang zu einer anderen Welt. Lisette Model hatte sie beflgelt; angestachelt zu einem Neubeginn. Ich mchte zeigen, was bse und verboten ist, hatte sie sich damals eingestanden. Verboten etwa, wie die Transvestiten- Bar Club 82 oder der Gaukler-Treff Huberts Dime Museum.
Bei Huberts, nahe dem Time Square, begann ihr zweites Leben. 1959. In einem Kellergeschoss in der 42ten Strae. Wei der Teufel, was sie hierher getrieben hatte: Voyeurismus, Neugier, Verzweiflung? Hier jedenfalls traf sie ihre ersten Freaks. Den Jungle Creep und die Russian Midgets. Die Helden ihrer neuen Bilder. Die Schrillen und die Auenseiter. Abseitige, wie sie es war das Mdchen hinter dem Fenster am Central Park.
Sie waren wie Wesen aus einem verzauberten Mrchen. Sie lieen sie ihre Rtsel lsen. Oft ist
sie mit ihnen in ihre Wohnungen gegangen, hat sich ihre Welten zeigen lassen, ihre verwunschenen Leben. Sie waren die perfekten Modelle. Spiegelflchen. Zwillinge. Fotografie, hatte Dianes frhes Vorbild Henri Cartier-Bresson einmal verraten, das ist eine Art zu schreien, sich zu befreien. Also fing sie damit an. Alles schrie sie aus sich heraus. War, not Love. Fotografie als Kriegsfhrung. Sie schrie, was auf der Seele lag. Den stummen Schmerz; die frhen Gespenster. Einfach alles. Alles raus.
Es war ihre Schwester Renee, die frh vermutet hatte, dass Diane ihre Kamera als Waffe benutzte als Schutzschild gegen das, was sie die Nemerov Atmosphre genannt hatte: die Klte, den bourgeoisen Lifestyle. Zunchst reichte ihr dafr ihre alte Leica. Doch bald schon fand sie Besseres. Arbus kaufte sich eine Rollei Mittelformat. Das ideale Werkzeug fr ihre neuen Ziele: dem Menschen nahekommen. Ihm zu begegnen. Ihn zu zeigen, wie er wirklich war. Das quadratische 6 x 6-Format der Rolleiflex-Bilder erzeugte dabei nicht nur grere Schrfe, die Abzge hatten auch eine feinere Krnung. Das grobe Korn der gngigen 35-Millimeter-Filme war fr Arbus zur strenden Maske geworden. Zum Vorhang, der das Bild verdeckte. Nichts aber sollte jetzt mehr zwischen ihr und der Seele eines Menschen stehen. Kein Licht, kein Studio, kein Arrangement. Bevor ich die Dinge arrangiere, hatte sie einmal
gesagt, arrangiere ich mich lieber selber.
So gab eines bald das andere. Immer neue Orte entdeckte Diane Arbus jetzt in der Stadt. Orte, die ihr mit ihrem brgerlichen Hintergrund bis dato verschlossen gewesen waren: Leichenschauhuser, Freudenhuser, Irrenhuser. Die Rollei war ihre Eintrittskarte. Am meisten liebe ich es dorthin zu gehen, wo ich niemals gewesen bin. Ich mag es, in das Haus eines Fremden zu gehen. Das ist wie ein Blind Date. Doch oft zielte sie auch ins Ur-Vertraute ins Umfeld des normalen Wahnsinns. An einem Sommertag 1963 etwa traf sie mitten im Central Park das spter so berhmte Kind mit einer Spielzeug-Handgranate.
Irgendwie waren sie in Kontakt gekommen: die an sich verschwiegene Fotografin und der dnne,
unscheinbare, kleine Junge. Arbus hatte ein gutes Dutzend Fotos an diesem Nachmittag von ihm
gemacht. Der erhaltengebliebene Kontaktbogen zeigt den Jungen in verschiedensten Posen mal lachend, mal schchtern, mal stolz posierend. Der Welt hinterlassen aber hat Diane Arbus ihn letztlich so: die Hosentrger verrutscht, den schmalen Kopf gegen den Krper geneigt und im kindlichen Blick ein Hauch von Wahnsinn. Eine Entlarvung. Ein Freak. Ein ganz normaler American Boy.
Vielleicht hat es an Vietnam gelegen der Zeit Amerikas in Indochina. Das Land der Freien und
Friedfertigen hatte sich in jenen Jahren stark verndert. Irgendwie war Amerika hsslicher geworden. Aggressiver. Doppelbdiger. Niemand zeigte das so unverschmt, so direkt wie Diane Arbus die Frau, die auch von sich selbst behauptet hatte, ber zwei Gesichter zu verfgen. Auch wenn sie als Fotografin an keiner Stelle dezidiert politisch gewesen ist: Ihr Child with a toy hand grenade ist zu einem Symbol dieses gesellschaftlichen Wandels geworden. Zum Sinnbild der verlorenen Unschuld. Gesprt hat das damals nicht nur sie. Gesprt hat das auch der Rest des Landes. Als 1965 erstmals drei Bilder mit Freaks im Museum of Modern Art zu sehen waren, mussten die Angestellten des Museums allmorgendlich erst die Spucke wegwischen, die entrstete Besucher auf dem Glas der Bilder hinterlassen hatten. Fr diese war es einer Unverschmtheit gleichgekommen; einem Blick auf die Fratzen des American Nightmare. Gottes eigenes Land einst das unbeschriebene Blatt Papier, auf dem neue Menschen eine neue Geschichte hinterlassen wollten, wurde hier bevlkert von einer Gesellschaft aus Nudisten,
TV-Junkies, Revanchisten.
Es war die sthetik des Hsslichen, die die Museumsbesucher damals umfangen hatte. Das Gute, das das Bse war; das Wahre, das so falsch erschien. Wenn du jemals mit jemandem gesprochen hast, der zwei Kpfe hat, dann weit du, dass der etwas wei, was du nicht weit. Die meisten aber wollten das gar nicht wissen. Sie wollten es nicht sehen; und schon gar nicht wollten sie es fotografiert haben: das Kaputte, das Beschdigte. Doch pltzlich war es berall. Selbst in den groen Zeitschriften und Magazinen. Diane Arbus war zur Vorreiterin einer neuen amerikanischen Hsslichkeit geworden. Zur Avantgarde des Subjektiven. Fotografen wie Garry Winograd, Marry Ellen Mark oder Lee Friedlander folgten ihr bald. Sie machten Fotos, auf denen auch das Auge des Fotografen stets prsent war; zeigten Wirklichkeiten, bei denen einem Hren und Sehen verging. Als der renommierte Kurator John Szarkowski sich 1967 schlielich dazu entschloss, viele dieser neuen Bilder in seiner bis heute bahnbrechenden Ausstellung New Documents <