DIE LIEBENDEN DES LICHTS
von: Ralf Hanselle

Sie waren die Kronzeugen eines grausamen Krieges: ber ein Jahr hinweg dokumentierten der ungarische Flchtling Robert Capa und die deutsche Jdin Gerda Taro den spanischen Brgerkrieg. Capa ist durch diesen Krieg zu einer Legende geworden. Seine Lebensgefhrtin Gerda Taro indes ist fr viele nur die rotblonde Schnheit an seiner Seite geblieben. Dabei hat
sie in ein eigenstndiges, interessantes Reportagewerk geschaffen.

Krieg ist nicht sexy. Fr gewhnlich ist er grausam, wst und abstoend. Schon die erste
Fotografie, die je von einem Schlachtfeld verffentlicht worden ist Timothy OSullivans 1863
entstandenes Bild Harvest of Death zeigt den Krieg als eine weite Landschaft. Schwer
haben sich in diese Landschaft Verwundete und Tote eingegraben. Eine solche Gegend ist letal
und lebensfeindlich. Eine einzige todbringende Tristesse. Diese darzustellen in ihrem himmelschreienden Realismus heit, dem Martyrium ein Gesicht zu verschaffen. Und doch gibt es auch den anderen Krieg; den mit dem eigentmlichen Eros. Den, den man mit Parolen feiert: Viva la muerte! und Bella Ciao! Es ist ein Krieg mit Sex-Appeal; einer, den man huldigt in romantischen Liedern. Vermutlich ist er nie sichtbarer aus seinem Versteck hervorgekrochen,
als whrend des spanischen Brgerkrieges.
Denn nie hat er sich weltmnnischer und mondner gezeigt nie intellektueller und illustrativer.
Es war der Krieg der groen Geister. Der Krieg der unvergessenen Romane, der Gemlde und
Gedichte: Picassos Guernica und Hemingways Wem die Stunde schlgt; Orwells Mein Katalonien oder Aragons Santa Espina. Und: Es war der Krieg der Fotografen. Wenn Vietnam als der erste groe Fernsehkrieg in die Geschichte eingegangen ist, dann war der Bruderkonflikt zwischen der spanischen Regierung und den rechten Putschisten um Francisco Franco der erste
wirkliche Krieg der Fotografie. Denn an die Front gekommen waren all die Groen: Tina Modottiund Paul Senn, David Seymour und Robert Capa. Und da nn war da sie: La pequea rubia. Die kleine Blonde. Gerta Pohorylle. Sie ist eine Tochter aus einer jdischen Kaufmannsfamilie aus dem wrttembergischen Stuttgart gewesen. Sie nanntesich Gerda Taro. Und sie ist in diesem Krieg zu einer Legende geworden. Als sie 1937 auf dem Pariser Friedhof Pre-Lachaise beigesetzt worden ist, sollten Tausende ihrem Sarg folgen. Siewar die erste Fotografin in einem bewaffneten Konflikt. Und sie war die erste, die in diesem umgekommen
ist.
Dabei ist Gerta Pohorylle eigentlich unpolitisch gewesen. Aufgewachsen in einem brgerlichem
Milieu, bedurfte es erst des anschwellenden Antisemitismus und der Nazi-Barbarei, um Pohorylle zu einem politisch denkenden Menschen zu machen. Dann aber gab es fr sie kein Zurck mehr. 1933 bereits ist sie in den sozialistischen Untergrund gegangen. Und nach einer ersten Gefngnisstrafe wegen einer antifaschistischen Flugblattaktion floh sie im Herbst desselben Jahres nach Paris damals fr Dutzende wie sie eine Stadt des Asyls und ein Ort letzter Trume. Hier kam sie in Kontakt zu bedeutenden Zeitgenossen darunter Andr Kertsz und David Seymour; zu Bildermachern, die sich wie sie rund um das Caf du Dme trafen; die sichdem fotografischen Humanismus und den Ideen der Freiheit verpflichtet fhlten.
Von diesem redseligen Kaffeehaussozialismus ist der Weg nicht mehr weit gewesen. Der spanische Brgerkrieg war gerade zwei Wochen alt, da ist Pohorylle, die sich jetzt Taro nannte, mit einem klapprigen Flugzeug nach Barcelona geflogen. Ihr Ziel: Die Dokumentation des Kampfes gegen die faschistischen Franquisten. Sie wollte dabeisein in diesem ersten Prolog zu dem groen Krieg, der da kommen sollte. Radio Madrid hatte es vo rausgesagt: Dies war das Ringen zweier nicht miteinander zu vereinbarenden Kulturen. Liebe kmpft gegen Hass, Frieden gegen Krieg, die Bruderschaft Christi gegen die Tyrannei der Kirche.

Niemand ist eine insel
Niemand ist eine Insel, hatte Ernest Hemingway als Motto ber seinen Brgerkriegs-Roman
Wem die Stunde schlgt geschrieben. Jeder Mensch ist ein Stck des Kontinentes. Auch Gerda Taro, die Frau, die sich auf vielen Fotografien dieser Zeit mit elegantem Kurzhaarschnitt und mit selbstbewusstem Lcheln prsentierte, war keine Insel damals, als der Krieg ausbrach. Ihr sicherstes Festland war der um drei Jahre jngere Endre Ern Friedmann ein junger Fotograf, der bald unter anderem Namen weltberhmt werden sollte. Friedmann wurde ihr Rckhalt, ihr Kontinent. 1934 hatte sich das Paar in Paris kennengelernt. Er war ein ehrgeiziger Flchtling aus Ungarn; sie eine attraktive deutsche Mitzwanzigerin, die sich ihr kleines Gehalt durch einen Job bei einer franzsischen Fotoagentur verdiente. Doch es war nicht nur Liebe, was die beiden verband. Ihre Leidenschaft war gehalten durch Fotografie. Whrend Friedmann bereits
erste Reportagen in deutschen Zeitschriften verffentlichte, wurde Taro seine neugierige Elevin. Die Liebenden des Lichts hat ihre Biografin Ulrike Mirjam Wilhelm die beiden daher
einmal genannt.
Am Anfang soll es nur ein Marketinggag gewesen sein. Gerta, die damals fr Friedmann die
Bildvermarktung in die Hnde genommen hatte, berlegte, wie man dessen Aufnahmen besser
verkaufen knnte. Schnell ist sie dabei auf die Idee mit dem neuen Namen gekommen: Robert
Capa. Das klang amerikanisch und weltmnnisch. Weit besser, als der Name eines unbekannten
Exilanten aus Budapest. Der beste Weg aus einer migrationsbedingten Identittskrise war schlielich der Identittswechsel. Aus Friedmann wurde Capa, und aus Pohorylle Taro. Pseudonyme, die nicht von ungefhr an den amerikanischen Regisseur Robert Capra und an die schwedische Filmschauspielerin Greta Garbo erinnerten. Namen mit einem Hauch von Glamour. Namen, die alsbald Fotografiegeschichte schrieben.

Entwaffnende Bilder
Und dann kam der Krieg. Am 5. August 1936, kurz nach dem franquistischen Militraufstand
gegen die republikanische Regierung, landete das junge Paar in Barcelona. Gerda Taro, damals
gerade einmal 26 Jahre alt, war auf dem Weg in ein neues und gefhrliches Leben. In den ersten
Wochen des Konfliktes agierte sie mit Capa Seite an Seite. Oftmals lichteten sie sogar die
gleichen Motive ab. Taro nutzte eine Rolleiflex, Capa eine Leica. Spter sollte sich das ndern.
Dann fotografierten beide mit einer 35-mm-Kamera ein Umstand, der es der Forschung bis
heute erschwert, die Aufnahmen der beiden zu unterscheiden. Auch die Magazine machten keine
Unterschiede. Meistens erschienen ihre Bilder unter dem Label Capa&Taro. VU, Weekly
Illustrated oder die linke Zeitschrift Regards: Alle druckten ihre eindrucksvollen Life-Fotografien
von der Front. In den Redaktionen dieser auflagenstarken Publikationen setzte man schlielich
ganz auf die Illusion des Dabeiseins. Im bersichtlichen Tablet-Format promotete man den
Krieg als Abenteuer. Und Capa und Taro warendie willkommenen Gehilfen zur Ftterung dieser
medialen Illusionsmaschinen.
Ihre ersten Aufnahmen zeigten harmlose Szenerien: Bilder von trinkenden Soldaten oder von
Frauen im Manver. Von Barcelona aus aber reisten sie weiter nach Westen und schlielich sdlich in Richtung Cordoba. Hier wurden ihre Bilder allmhlich blutiger. Hier entdeckten sie die ganze Dramatik des groen Konfliktes die desicive moments eines eingeluteten Weltenbrandes.
In Cordoba schlielich schlug Capa zu. Es war der 5. September 1936, als er auf einer Anhhe bei Cerro Muriano einen loyalistischen Soldaten im Augenblick seines Todes fotografierte. Direkt vor Capas Kamera taumelte der hell gekleidete Mann, ging in die Knie und lie dabei sein Gewehr fallen. Es ist das entwaffnende Bild einer dramatischen Sterbesekunde. Und zugleich die Geburtsstunde einer Ikone. Soviel ist in den Jahrzehnten danach ber diese Fotografie geschrieben worden, dass ein weiterer Kommentar berflssig erscheint. So sehr immer wieder auch Zweifel an der Echtheit des Bildes aufgekommen sind Robert Capa hat sich mit diesem Bild unsterblich gemacht.
Gerda Taros Werk indes ist ber den Ruhm dieser einen Fotografie an den Rand gedrngt worden. Dabei sind ihre Aufnahmen, die sie whrend der ersten Monate des Krieges gemacht hat, oft weit ausgefeilter als die Capas. Geschult an der Bildsprache des Neuen Sehens setzte Taro auf starke Unterperspektiven und auf ungewhnliche Bildausschnitte. Und: Sie gab dem Krieg auf vielen ihrer Fotografien eine ausgefallene weibliche Note.

Blei und Begehren
Am eindrucksvollsten kann man dies auf ihrer in den ersten Kriegswochen entstandenen Aufnahme einer republikanischen Milizin sehen. Diese am Strand von Barcelona entstandene Fotogra- fie zeigt eine ganz in schwarz gekleidete Frau im Abendlicht. Scharf hebt sich ihre Silhouette vom grulichen Himmel ab. In eleganten Pumps und mit zierlicher Ledertasche hat sie sich ins Manver begeben. Es ist eine Fotografie, die Eros und Thanatos geschickt zusammenmischt; die Gewalt auf einer sinnlichen Oberflche codiert
Es gbe noch viele solcher Fotografien. Fotografien, die nicht von ungefhr an Quentin Tarantino
Bilder von Blei und Begehren erinnern. Fotografien von republikanischen Milizionren beim
Sommer-Flirt oder von kokettierenden Soldatinnen. Fotografien von Menschen, die tten, wo sie lieben. Der aus Berlin stammende Schriftsteller Alfred Kantorowicz hat Gerda Taro in seinen Tagebchern aus dem Brgerkrieg einmal als eben eine von diesen beschrieben: als eine anmutige Reporterin, die mit Baskenmtze ber dem schnen rotblonden Haar und einem zierlichen Revolver wagemutig zwischen den Fronten umherschritt. Genau in diesem romantischem Heldenmut aber lag auch ihr Ende begrndet. Es war der 25. Juli 1937, als Gerda Taro whrend eines Angriffs der deutschen Legion Condor von einem republikanischen Panzer ergriffen und berrollt worden ist. Sie starb in einem Feldlazarett bei El Escorial in den Morgenstunden des folgenden Tages nur fnf Tage vor ihrem 27. Geburtstag. Das Magazin
Life ehrte sie damals als die wahrscheinlich erste gefallene Fotografin. Zu ihrer Beerdigung
kamen all die Gren ihrer Epoche: Louis Aragon, Pablo Neruda und Alberto Giacometti.Und Robert Capa? Angeblich soll Gerda Taro die groe Liebe seines Lebens geblieben sein. Als zwei Jahre nach ihrem Tod Capas Bildband Death in the Making erschien, hat er dieses beeindruckende Buch ber den Krieg in Spanien seiner einstigen Geliebten gewidmet. 17 Jahre spter, nach weiteren Kriegen in Europa und in Indochina, sollte schlielich auch Capas Stunde schlagen. Wie Gerda Taro sollte er das Opfer eines bewaffneten Konfliktes werden. Am 25. Mai 1954 ist Capa im vietnamiesischen Thai- Binh auf eine Landmine getreten. Damals, als der
Krieg lngst kein romantisches Abenteuer mehr war. Nach Guernica, Coventry oder Hiroshima war er das, was er eigentlich immer schon gewesen ist: grausam, wst und abstoend.

Erschienen in: PHOTOGRAPHIE 05/2011
2010 Ralf Hanselle

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