© 2010 Ralf Hanselle

MITTEN INS SCHWARZE HINEIN
RALF HANSELLE im Gespräch mit PETER NADAS über die Grenze der Sprache und die Freiheit der Bilder

Péter Nádas, geboren 1942 in Budapest, gehört zu den renommiertesten Stimmen der ungarischen Literatur. Seine Romane wie "Buch der Erinnerung" oder "Ende eines Familien-romans" wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Angefangen hat Nadas jedoch als Zeitschriftenfotograf. Diese Wurzeln spiegeln sich nicht nur in seiner Literatur (etwa dem 2001 erschienenem Buch "Schöne Geschichte der Fotografie), sie brachten ihn auch jüngst dazu, eine Ausstellung zur ungarischen Fotografie zu kuratieren. Für Photonews sprach Ralf Hanselle mit Peter Nadas über Bilder, Texte und den Abgrund dazwischen.

RALF HANSELLE: Herr Nádas, Sie haben jüngst eine Ausstellung zur ungarischen Fotografie kuratiert. Zu sehen waren darin neben Bildern von renommierten Fotokünstlern wie Martin Munkacsi, Brassad oder Robert Capa auch eigene Bilder. Wie sind sie zu dieser Ausstellungsidee gekommen?
PÈTER NADAS: Die Idee kam von Wim van Sinderen, dem Chefkurator des Fotomuseums in Den Haag. Der hatte mitbekommen, dass ich neben meiner schriftstellerischen Tätigkeit auch fotografiert habe. Als er mich dann fragte, ob ich nicht eine solche Ausstellung kuratieren wollte, da hab ich mir das zunächst mit Befremden angehört. Die Idee, dass meine Bilder zusammen mit Fotografien von wahren Größen der Fotogeschichte gezeigt werden sollten, fand ich komisch. Dabei sind die Bindungen sehr eng. Sogar familiär. Ich hatte einen Onkel, der in den 30er Jahren eine Illustrierte in Paris redigierte, sie hieß Regards. Eine wunderbare Wochenzeitung der französischen Linken. In der Redaktion saßen Intellektuelle von André Gide bis Romain Rolland. Unter anderem hat Robert Capa für diese Zeitung aus dem Spanischen Bürgerkrieg berichtet. Seit meiner frühesten Kindheit wußte ich also von diesen Menschen und kannte einige ihre Arbeiten.
RALF HANSELLE: Hat dieser Onkel sie dann auch zur Fotografie gebracht?
PÈTER NADAS: Ja. Aber Fotografieren habe ich von einem anderen Onkel gelernt. Oder besser gesagt: Er hat Anweisungen gegeben. Ich habe also nicht angefangen zu knipsen wie ein Blinder.
RALF HANSELLE: Sie haben die Ausstellung sehr motivisch geordnet. War das für Sie von Anfang an offensichtlich, dass es in der ungarischen Fotografie Themen gibt, die sich durch die Arbeiten nahezu aller Fotografen ziehen - Ihrer eigenen eingeschlossen?
PÈTER NADAS: Nein. Ich wußte anfangs nur, was ich nicht wollte. Ich wollte mich nicht vordrängeln. Ich weiß, wo mein Platz ist unter der Sonne. Aber ich wußte auch, welche Verbindungen ich mit diesen Fotografen habe. Die Meister, von denen man gelernt hat, hatten nicht selten ihrerseits gemeinsame Meister. Also: Ich habe bei einem Meister gelernt, der bei einem anderen Meister gelernt hat. Bei József Pécsi zum Beispiel. Diese Verbindungen über Raum und Zeit hinweg waren mir sehr wichtig.. Zudem habe ich verschiedene Ideen entwickelt. Eine ist zum Beispiel die, dass selbst die konstruktivistische ungarische Fotografie - etwa bei Moholy-Nagy - nie von den sozialen Bindungen weggegangen ist. Und dann habe ich eben Bilder ausgewählt, die diese Verbindungen zwischen Formale und Soziale deutlich zeigen.
RALF HANSELLE: Aber kann eine Kunstform wie die Fotografie denn einen nationalen Charakter besitzen?
PÈTER NADAS: Nein, das würde ich nicht sagen. Aber ich habe ihn gesucht.
RALF HANSELLE: Das ist doch anders als etwa in der Literatur. Da hat man immer wieder mal von ”Nationalliteratur” gesprochen. Humboldt etwa, der gesagt hat, dass ein Volk so spreche, weil es so denke und so denke, weil es so spreche....
PÈTER NADAS: Von Nationalfotografie können wir natürlich nicht sprechen. Die Sprache der Bilder ist kosmopolitisch. Aber wir können von einem Charakter sprechen. Der ist etwa damit verbunden, wie ich mich in einer Dunkelkammer verhalte. Ich habe das beobachtet. An anderen Orten oder bei anderen Meistern ist das ganz anders. Und diese Bewegungen und kleinen Vorgänge, die lernt man ganz früh. Die behält man. Gerade beim Fotografieren muss man bei diesen kleinen Vorgängen sehr sauber bleiben. Also: Es gibt so etwas wie Nationalcharakter. Und dieser Charakter ist einerseits ästhetisch, andererseits historisch bedingt. Das Ästhetische ist am einfachsten auf der Ebene der Motivik zu zeigen. Die führt dann weiter zurück in die Malerei und die Tradition der bildenden Kunst. Das sind Prozesse der Auf- und Ablösung. Aber auch Prozesse der Bindung. Und der historische Charakter, das sind die Erfahrungen, die wir gemeinsam gemacht haben.
RALF HANSELLE: Sie selbst haben als Fotojournalist angefangen. Ab 1961 arbeiteten sie für eine ungarisches Magazin.....
PÈTER NADAS: Ja, das war die größte Illustrierte Ungarns. Ein Schwarzweiß-Magazin. Ich habe diese Zeitung und mit ihr den ganzen Beruf verlassen, als man später auf Farbe umstellte. Dafür hab ich nie Interesse gehabt.
RALF HANSELLE:Also war es gar nicht der Ende der 60er Jahre einsetzende literarische Erfolg, der sie von der Fotografie weggeführt hat?
PÈTER NADAS Erfolg? Das waren die einsetzenden literarischen Verbote. Das war ein Kampf. Ein langer Marsch....
RALF HANSELLE:...auf dem Sie immer wieder mit der Zensur kämpfen mussten. Gab es die damals auch bei der Fotografie?
PÈTER NADAS: Ja, die gab es. Auch deswegen habe ich aufgehört zu fotografieren. Ich musste ständig lachende Menschen fotografieren. Aber die Menschen haben nicht gelacht. Es gibt ein Lachen, das meine Gutmütigkeit zeigt gegenüber dem Anderen. Und das für politische Zwecke auszunutzen, das war mir peinlich. Ich habe dann geglaubt, schreibend ginge das besser. Aber schreibend war es genauso schlimm. Es gab Momente, da dachte ich, ich wäre untalentiert, weil ich das nicht schaffte. Viel später bin ich darauf gekommen, dass das nichts mit meinem Talent zu tun hatte. Ich hatte lediglich kein Talent zur Inszenierung.
RALF HANSELLE: Sie haben einmal gesagt, dass das Thema ihrer Literatur die Sensualität sei. Ist das für sie auch das verbindende Element zwischen ihrer Literatur und ihrer Fotografie?
PÈTER NADAS: Das ist für die Fotografie eine Gegebenheit. Ohne Sensualität ist keine fotografische Arbeit vorzustellen. Eine Literarische schon, denn die kann sich mit Gedanken auseinandersetzen.
RALF HANSELLE: Ich komme darauf, weil sie meinten, dass sie nicht inszenieren könnten. Wenn man als Fotograf mit einer These an die Welt herantritt, dann ist das doch etwas anderes, als wenn ich sensuell auf sie reagiere. Da gibt es doch auch in der Fotografie Abstufungen.
PÈTER NADAS: Ja, aber das ist ein Problem, das sich historisch erst später gestellt hat. Ich bin aufgewachsen in einer Welt der Modernität und nicht der Postmodernität. Es war noch eine Welt, die wahrzunehmen ist. Die bestimmt war von der Frage, ob ich Fähig bin, eine Gegebenheit wahrzunehmen. Und seit der Postmoderne, dieser großen Wende, da erzeugt man Welten. Man darf das nicht verwechseln. Unter diktatorischem Zwang zu inszenieren ist etwas ganz anderes als aus freien Stücken zu inszenieren. Der Mensch ist so bestellt, dass er, wenn er unter Zwang inszenieren muss, nicht will. Dann will er die Realität. Und wenn kein Zwang da ist - warum soll er dann nicht inszenieren?
RALF HANSELLE: Ist das Selbstverständnis als ”moderner Fotograf” etwas Illusionsloses? Sie haben einmal gesagt, dass man als Fotograf lernen müsse, ”das Schwarze vom Schwarzen zu unterscheiden”. Das klingt doch furchtbar pessimistisch.
PÈTER NADAS: Nein, das ist es nicht. Denn das birgt auch die Hoffung, dass ich in die Schwärze hineingehen kann. Hinein will. Ich muss. Ich bin gezwungen. Das ist oder war ein moralisches Gebot. Da konnte man nicht herumgehen. Das ist in der Spätphase des Individualismus vielleicht schwierig vorzustellen, was eine Diktatur bedeutete. Im Individualismus macht es Spaß, sich Welten aufzubauen, Welten zu zeigen, die nicht existent sind. Als Betrachter macht mir das auch Spaß. Aber ich selbst will das nicht machen.
RALF HANSELLE: Für ein Buch aus dem Jahr 2002 haben Sie noch einmal zur Kamera gegriffen. Sie haben Bilder von einem Birnbaum aus ihrem Garten gemacht und diese anschließend mit einem Text über ihre eigenen Nahtoderfahrung kombiniert. War es für sie von Anfang an klar, dass sie das Buch mit den Fotografien zusammen machen müssten?
PÈTER NADAS: Wenn ich schon Schriftsteller bin und den klinischen Tod erlebt habe, dann wollte ich auch darüber schreiben. Doch das hieß, über etwas zu schreiben, worüber man eigentlich nicht schreiben kann. Das ist ja ein Erlebnis ohne Sprache, ohne begriffliches Denken und ohne begriffliches Erinnern. Aber bildlich ist das sehr intensiv. Dieser Baum, den ich von meinem Arbeitszimmer aus immer sehe, ist ein Gegenstand der Kontemplation. Ich beobachte diesen Baum seit zwanzig Jahren immer wieder lange. Ich lernte sozusagen den Baum kennen. Dann habe ich angefangen, den Baum zu fotografieren. Ich habe beschlossen, den Baum nicht zu verlassen. Jeden Tag habe ich ihn fotografiert. Oft mehrmals. Als das Jahr um war, habe ich den Text geschrieben. Ich habe zu den Bildern geschrieben. Ich hatte die Idee, dass ein späterer Leser der Geschichte zwischen Text und Bildern wandern könnte...
RALF HANSELLE: ...so wie Sie von ihrem Schreibtisch aus zwischen Text und Baum gewandert sind....
PÈTER NADAS: Genau. Bei dem Wandern zwischen Bild und Text entsteht ein Abgrund. Und diesen Abgrund brauchte ich. Denn der zeigt, worüber ich weder schreiben noch reden kann.
RALF HANSELLE: Letztlich ist ”Der eigene Tod” also ein modernes Stundenbuch.
PÈTER NADAS: Ja, das kann man sagen. Es gibt keinen Gott in diesem Buch. Aber es wird doch über etwas nachgedacht, worüber ein moderner oder ein postmoderner Mensch nicht nachdenken darf: Sein Tod.

erschienen in PHOTONEWS 9/2005




Weblinks

    * Peter Nadas bei Wikipedia
    * Rezension von "Der eigene Tod"
   
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