© 2010 Ralf Hanselle

“MEINE SICHT AUF DIE WELT IST GLEICH GEBLIEBEN“
RALF HANSELLE im Gespräch mit SIBYLLE BERGEMANN

Vierzig Jahre ihres Lebens verbrachte die 1941 in Berlin geborene Sibylle Bergemann in der
DDR. Vierzig Jahre, die sie immer wieder in längst legendär gewordenen Fotografien festgehalten hat. Nach einer Ausbildung zur Fotografin bei ihrem späteren Ehemann Arno Fischer arbeitete Bergemann zunächst überwiegend als Mode- und Reportagefotografin. Zeitschriften wie Sibylle oder Das Magazin machten ihre Bilder bald berühmt. Nach der Wiedervereinigung gründete sie zusammen mit Kollegen wie Ute Mahler oder Harald Hauswald die Fotoagentur “Ostkreuz“. Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer traf ProfiFoto die vermutlich noch immer bekannteste Autorenfotografin der einstigen DDR, um mit ihr über Fashion, Fortschritt und den vergessenen Farbfilm zu sprechen.

Ralf Hanselle: Frau Bergemann, welches Bild kommt ihnen als erstes in den
Sinn, wenn sie heute an die Wende in der DDR denken?
Sibylle Bergemann: Spontan fällt mir da ein Bild meines Mannes ein ...
Ralf Hanselle: ... des Fotografen Arno Fischer.
Sibylle Bergemann: Genau. Es ist am Silvesterabend 1989/90 am Brandenburger
Tor entstanden. Man sieht die jubelnden Menschen und man erkennt im Hintergrund
das Feuerwerk. Zudem ist darauf ein Mann zu sehen, der aussieht, als würde er in der
Luft schweben. Ich weiß nicht warum, aber an diese ausgelassene Szenerie denke ich
wohl zuerst.
Ralf Hanselle: Das klingt, als wäre das Bildgedächtnis einer der bekanntesten
deutschen Autorenfotografinnen zunächst von ähnlichen Fotografien und
Inhalten bestimmt, wie das eines jeden anderen.
Sibylle Bergemann: Sicherlich. Von der Maueröffnung und von den ersten Tagen
danach habe ich die typischen Bilder gemacht. Auch in der besagten Silvesternacht
habe ich fotografiert. Aber ich bin von meiner Statur zu klein, so dass man auf meinen
Bildern das Brandenburger Tor gar nicht sehen kann. Außerdem war ich damals
wohl auch zu betrunken, um gute Bilder zu machen.
Ralf Hanselle: In der Regel gibt es von jedem großen politischen Ereignis die eine unvergessliche Ikone. Bei der Revolution in der DDR aber scheint dieses symbolträchtige Bild merkwürdiger Weise zu fehlen. Wieso ist das so?
Sibylle Bergemann: Ja das stimmt. Es fehlt das eine große Bild. Aber eine Erklärung
dafür habe ich auch nicht.
Ralf Hanselle: Dabei ist das merkwürdig. Immerhin ereignete sich diese Revolution doch inmitten einer modernen Mediengesellschaft.
Sibylle Bergemann: Es gibt ja durchaus Bilder. Eine Menge Bilder sogar. Gerade jetzt sind sie wieder in unzähligen Ausstellungen zu sehen. Oft fehlt diesen Fotos aber die ikonografische Qualität. Es sind immer wieder dieselben Bilder. Das ist zuweilen richtig langweilig. Man kann sie schon nicht mehr sehen.
Ralf Hanselle: Reden wir also lieber über Ihre eigenen Fotografien: Warum sind viele davon, besonders aus der Zeit vor dem Mauerfall, in schwarzweiß aufgenommen worden?
Sibylle Bergemann: Farbaufnahmen habe ich damals in der Regel nur dann gemacht,
wenn ich Mode fotografiert habe. Ich sehe mich auch heute noch eher als Schwarzweißfotografin. Es war in der DDR schließlich kompliziert, in Farbe zu fotografieren.
Zumindest dann, wenn man keine Kleinbildaufnahmen machen wollte. Nach der Wende hat sich das geändert. Dann war ich oft sogar dazu gezwungen, in Farbe zu fotografieren. Viele der neuen Auftraggeber wollten das so. Jetzt aber kehre ich wieder vermehrt zur Schwarzweißfotografie zurück.
Ralf Hanselle: Man könnte meinen, die Farblosigkeit Ihrer Bilder hätte etwas mit der DDR an sich zu tun gehabt. Nicht nur Nina Hagen hat schließlich einst den “vergessenen Farbfilm“ besungen; jedem West-Besucher ist damals wohl zuerst das graue Einerlei in den sozialistischen Städten ins Auge gestochen.
Sibylle Bergemann: Für mich war Schwarzweiß keine Frage der Umgebung. Mich hat Farbe damals einfach nicht interessiert. Bunt war mir zu umständlich. Farbfotografie ist eine andere Art des Sehens - vielleicht sogar eine einfachere Art.
Ralf Hanselle: Sie sind einem breiterem Publikum in der DDR zunächst vor allem durch Modeaufnahmen für die Zeitschriften “Sibylle“ bekannt geworden. Das war ein Magazin, dass in
zahlreichen Kreisen Kultstatus genoss. Dabei gab es die dort gezeigten Kleider und Accessoires zumeist nicht einmal zu kaufen. An wen richteten sich solche Modezeitschriften?
Sibylle Bergemann: Sie richteten sich an Jedermann - an Menschen wie du und ich. Wir haben mit “Sibylle“ versucht, den Frauen in der DDR Informationen über Mode und Trends an die Hand zu geben. Natürlich: Es ging dabei nicht primär ums Verkaufen. Das war vielleicht der große Unterschied zu den Modezeitschriften im Westen. Das, was es bei uns zu sehen gab, das gab es in keinem Geschäft. Und umgekehrt galt: Was es im Geschäft gab, das war für uns nicht interessant. Manchmal hat man in der Redaktion die Kleider sogar selbst entworfen. Da
war viel Improvisation dabei. Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass uns das einen immensen Freiraum gegeben hat.
Ralf Hanselle: Nach welchen Kriterien haben Sie denn damals die Models ausgewählt?
Sibylle Bergemann: Models hießen bei uns natürlich noch Mannequins. Es gab in der DDR durchaus Frauen, die auf diesem Gebiet professionell arbeiteten. Mit denen haben wir meistens fotografiert. Darüber hinaus haben wir uns auch Frauen von der Straße oder aus dem eigenen Freundeskreis geholt.
Ralf Hanselle: Sie haben für diese Modeaufnahmen zuweilen sehr gewagte Settings und Hintergründe benutzt. Ich erinnere mich etwa an ein Bild, auf dem man ein Frau vor einer Industrielandschaft sieht. Während vorne die Mode gezeigt wird, qualmen hinten die
Schlote. Spiegelte sich in solchen Bildern der Fortschrittsglaube der ostdeutschen
Gesellschaft wieder - oder war das Ironie?
Sibylle Bergemann: Natürlich sind solche Bild nur mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Das Foto mit dem Schornstein hat uns nachher sogar richtig Ärger eingebracht. Das Umweltministerium hatte sich darüber beschwert. Aber solchen Ärger war man damals irgendwie gewohnt. Der gehörte dazu. Trotzdem würde ich sagen, dass es alles in allem noch recht gute Arbeitsbedingungen waren. Wenn ich eine Fotoserie machte, dann wurde die in den meisten Fällen auch genau so gedruckt. So etwas gibt es heute ja gar nicht mehr. Irgendwie war
das schon ein Traum.
Ralf Hanselle: Sie hatten damals enge Kontakte zu Fotografen aus dem Westen. Ihre Wohnung am Schiffbauerdamm soll zuweilen ein regelrechter Treffpunkt für die deutsch-deutsche Fotoszene gewesen sein. War die Mauer in fotografischen Fragen vielleicht viel durchlässiger, als es im Nachhinein den Anschein hat?
Sibylle Bergemann: Mit Sicherheit. In einer Mangelsituation ist man immer hungrig nach Informationen. Niemand will schließlich hinter dem Mond leben. Wir hatten das Glück, dass es in Ost-Berlin ein französisches Kulturinstitut gab. Dessen Leiter war ein großer Fan der Fotografie. Immer, wenn es dort Ausstellungen von Fotografen wie Henri Cartier-Bresson oder Josef Koudelka zu sehen gab, kamen diese Leuten nach der Vernissage zu uns. Das waren oft aufregende Abende. Abende, zu denen wir immer Bekannte und Kollegen einluden. Diese kamen meistens mit ihren Bildern vorbei, um diese den Fotografen aus dem Westen zu zeigen. Ich erinnere mich an Abende mit Robert Frank oder mit Helmut Newton. Das war stets sehr spannend.
Ralf Hanselle: Welche Positionen haben Sie damals in der Fotografie des Westens am meisten interessiert?
Sibylle Bergemann: Ich selber komme ja aus einer Tradition, die eher sozialdokumentarisch
geprägt ist. Folglich haben mich natürlich immer jene Fotografen interessiert, die einen ähnlichen Ansatz und eine ähnliche Haltung hatten. Fotografen, für die die Welt nicht einfach Friede, Freude, Eierkuchen war. Die zeigten, ohne zu beschönigen. Ich habe zu DDR-Zeiten schließlich nie für die bunten Wochenzeitschriften gearbeitet. Für die Organe, die den Aufbau des Sozialismus dokumentierten, und die damit zeigen wollten, wie toll alles sei. Ich hatte nichts gegen den Sozialismus. Wir Autorenfotografen haben ja nicht gegen den Sozialismus anfotografiert. Aber wir wollten eben auch nichts idealisieren.
Ralf Hanselle: Ihre bis heute vermutlich bekannteste Bildserie aus der Zeit der DDR dokumentiert den Bau des großen Marx-Engels-Denkmals in Berlin. Wie ist es zu diesem eigenwilligen Fotoessay gekommen?
Sibylle Bergemann: Zunächst war das nur eine Art Freundschaftsdienst. Mein Mann hatte einst mit Ludwig Engelhardt, dem Bildhauer des Denkmals, studiert. Also bat mich Engelhardt, ich möge ihn mal in seinem Atelier auf Usedom besuchen kommen. Ich nahm die Einladung an, und so entstanden die ersten Bilder. Damals hatte er noch gar keinen offiziellen Auftrag für das Denkmal. Der kam erst später. Ich bin dann immer wieder zu ihm raus und habe die Fortschritte bei der Arbeit dokumentiert. Aber ich hab immer nur gezeigt, was dort auch wirklich vorhanden war. Ich weiß, es gibt heute viele Leute, die meinen, ich hätte mich mit dieser Serie über den Künstler oder über das Werk lustig machen wollen. Aber das stimmt gar nicht.
Ralf Hanselle: Trotzdem muss man doch aus der Rückschau sagen, dass in diesen Bildern eine ungemeine Ironie steckt. Da sieht man die großen Theoretiker des Marxismus zuweilen mit
fehlenden Köpfen oder man sieht sie an einem Kran baumeln. Gerade auf diesen Bildern erscheinen sie wie lahme Engel kurz vor dem Absturz. Hat man diese Dimension der Bilder damals nicht sehen wollen?
Sibylle Bergemann: Natürlich steckt in den Aufnahmen Ironie. Aber ich habe sie gar nicht ironisch angelegt. Ich habe wirklich nur dokumentieren wollen. Ohne Zweifel haben wir damals auch manches Mal gelacht, wenn wir auf meinen Bildern diese kopflosen Philosophen sahen. Und dennoch habe ich von offizieller Seite nie irgendwelche Einschränkungen erhalten. Alles konnte mit Einverständnis des ZKs so gezeigt werden, wie ich es fotografiert hatte.
Ralf Hanselle: Oft ist der skurrile Surrealismus auf diesen Fotografien betont worden. Manch ein Kritiker will auf ihren Bildern sogar generell eine starke Poesie und Verträumtheit ausgemacht
haben. War das Eskapismus? Eine Flucht aus der beengten Wirklichkeit der real-sozialistischen Verhältnisse?
Sibylle Bergemann: Das ist alles Quatsch. Das hat keine politischen Dimensionen. Es gibt auch immer wieder Leute, die auf meinen Bildern eine Melancholie sehen wollen. Auch dagegen habe ich mich lange gewehrt. Heute kann ich damit besser umgehen. Ja, vielleicht sind manche Bilder melancholisch. Aber das ist nicht gewollt gewesen.
Ralf Hanselle: Was wäre denn so schlimm an Melancholie?
Sibylle Bergemann: Eine solche Deutung erschien mir immer zu privat.
Ralf Hanselle: Seit den letzten Tagen der DDR ist viel Zeit vergangen. Glauben Sie, dass sich Ihre fotografische Sicht auf die Welt in den letzten Jahren verändert hat?
Sibylle Bergemann: Nein. Natürlich habe ich in all den Jahren neue Erfahrungen gesammelt.
Aber an meiner Art zu Fotografieren hat sich gar nichts verändert. Vielleicht haben sich zuweilen die Themen und Techniken gewandelt. Aber mein Blick auf die Dinge ist immer der gleiche geblieben. Auch heute noch.
Ralf Hanselle: Woran arbeiten Sie denn zur Zeit?
Sibylle Bergemann: Ich versuche wieder vermehrt Berlin zu fotografieren. Aber das fällt mir zunehmend schwerer. Früher habe ich ja sehr viel in der Stadt fotografiert. Aber heute ist das nicht mehr so einfach. Man kann nicht nahtlos an alte Bilder anknüpfen. Ich bin nicht mehr so unbefangen. Und auch die Hemmungen sind größer geworden. Die Stadt hat sich sehr verändert. Und vielleicht ist sie auch gar nicht mehr so interessant wie damals.

erschienen in: PROFIFOTO 9/2009
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